Seh'n Se, das ist Berlin!
Berliner Frühlingsluft schnupperten am vergangenen Samstag, den 20. März 2010, die Besucher des Revue-Konzertes „Unter den Linden“ des Salonorchesters Münster, welches als Gast in der vollbesetzten Aula des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums auftrat.
Das Publikum hat sich platziert, das Saal-Licht ist erloschen. Auf der dunklen Bühne stehen ein Flügel sowie 9 angeordnete Notenständer und genauso viele leere Stühle, ein Scheinwerfer-Spot beleuchtet einen einsamen Leierkastenmann davorstehend. Stille. Dann lässt der Mann (Jens-Peter Böhne) die Pfeifen tanzen und es ertönt mit nostalgischem Klang der wohlbekannte Marsch „Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft“. Sofort wird mitgeklatscht, erst recht, als während dessen das zehnköpfige Ensemble die Bühne betritt, diese auf einmal hell erleuchtet wird, und die Musiker zum Refrain miteinsteigen.
Fortan begeben sich die Zuhörer auf eine zweieinhalb-stündige Zeitreise durch sieben Jahrzehnte Berliner Musikgeschichte. In einem stimmigen Bogen von der Weimarer Republik über die goldenen Zwanziger bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts lassen sie sich bereitwillig vom Pianisten und Moderator Oliver Haug durch den Abend führen.
Die „Ruhr-Chansonnette“ Ingeborg Wunderlich ist als musikalischer Gast eingeladen. Mal nur mit Piano-Begleitung, mal mit dem ganzen Orchester zusammen präsentiert sie charmant und mit großem schauspielerischen Talent Couplets von Otto Reutter und Claire Waldoff sowie unvergessliche Klassiker wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und „Für mich soll's rote Rosen regnen“.
Entgegen ihres üblichen Erscheinungsbildes sind die Musiker im ersten Teil der Revue mit Strohhut und gestreifter Weste ausgestattet – ist man in einem klassischen Konzert oder etwa im Berliner Sportpalast?
In jener Spielstätte wurden zu Beginn des letzten Jahrhunderts zunächst sportliche Wettkämpfe abgehalten, später kamen immer mehr Vergnügungslokale hinzu, in denen Musik und Kabarett präsentiert wurde. Besonders in Berlins 20er Jahren erblühte eine ganz neue Kulturindustrie mit Revuetheatern und Kinos – erstmalig für die breite Masse der Bevölkerung, wie Oliver Haug zu berichten wusste.
Das Publikum jedenfalls folgt spontan dem Flötisten Gereon Kleinhubbert und lässt jene berühmten drei gellenden Fingerpfiffe im Walzer „Wiener Praterleben“ ertönen, die diesen zum legendären „Sportpalastwalzer“ werden lassen.
Nach der Pause präsentiert das Salonorchester Münster mit dem „Original Charleston“ und dem „Bugle Call Rag“ zuerst jazzigere Klänge. Die Damen des Orchesters haben sich entsprechend der Mode in den damaligen Tanzlokalen mit Federboa und Glitzerkleidchen bestückt, die Herren erscheinen im eleganten schwarzen Anzug mit Stehkragenhemd und bordeauxroter Fliege. Auch instrumental gibt es Veränderungen: Trompeter Christoph Homann erweist sich als Spezialist für perkussive Effekte und der erste Klarinettist Andreas Klomfaß wechselt zum Saxophon.
Den musikalischen Abschluss des eigentlichen Programms bildet die „Italienreise“ des Schlagerkomponisten Gerhard Winkler. Das Publikum aber will mehr und erklatscht sich drei Zugaben. Hätten es die Uhrzeit und die Temperaturen zugelassen, wäre bestimmt gerne mancher Gast der finalen Aufforderung von Ingeborg Wunderlich nachgekommen: „Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann nüscht wie raus nach Wannsee!“
In der Pause und nach dem Konzert sorgten die Damen des Fördervereins, mit Knickerbocker und Schiebermütze keck zurechtgemacht für das leibliche Wohl: Berliner Weisse und saftige Buletten, deren Erlös der Förderung der musikalischen Bildung der Schüler des KvGs zugutekommt.
Seh’n Se, das ist Berlin – in Münster!